Auszug aus: “Pfoten auf Asphalt - Podcast Staffel 1 zum Nachlesen”

Mein Plan war es, die erste Staffel„Pfoten auf Asphalt“ zum Nachlesen in Buchform zu bringen. Das Buch ist auch fast fertig – aber eben nur fast. Momentan habe ich auch keine Ahnung, wann ich dazu komme, es fertigzustellen.

Deshalb kam mir eine andere Idee: Ich teile die bereits fertigen Teile in Form von Blogartikeln mit euch.

Jeder Blogartikel besteht aus zwei Teilen: Zum einen aus einem überarbeiteten und gekürzten Auszug aus einem Interview aus„Pfoten auf Asphalt“, zum anderen aus der Geschichte einer Person, die mit einem Hund aus der jeweils besprochenen FCI-Gruppe (Fédération Cynologique Internationale) zusammenlebt.

Die Interviews habe ich für eine angenehmere Lesbarkeit überarbeitet und gekürzt. Das Originalgespräch könnt ihr euch aber direkt hier anhören.

Das erste Interview, das ich mit euch teilen möchte, ist auch ein spezielles, wichtiges und dreht sich um Tierschutzhunde.

Viel Spaß beim Lesen und/oder Hören!


"Die kalte Schnauze eines Hundes ist erfreulich warm gegen die Kaltschnäuzigkeit mancher Menschen."

Ernst R. Hauschka



Erich:

Hallo, liebe Daniela, danke, dass du da bist.

Daniela:

Hallo, lieber Erich, danke für die Einladung.

Erich:

Sehr gerne. Ich wollte heute mit dir sprechen, weil wir uns ja schon länger kennen und beide Tierschutzhunde haben. Außerdem war ich letzte Woche bei Free Emily in Rumänien und habe dort mitgeholfen. Da dachte ich mir, wir schieben mal eine Folge zum Thema Tierschutzhunde ein.

Daniela:

Ja, hallo. Ich bin Daniela, wohne in Wien und im Burgenland und habe mittlerweile schon meine zweite Hündin aus dem Tierschutz. Außerdem war ich eine Zeit lang Pflegestelle für einen Tierschutzverein.

Erich:

Und wie lange ist Mim jetzt schon bei dir?

Daniela:

Meine aktuelle Hündin Mim ist jetzt seit ungefähr eineinhalb Jahren bei mir, im August werden es zwei Jahre. Ursprünglich kommt sie aus Bosnien und wurde von einem Verein vermittelt, der seinen Sitz in Österreich hat und Hunde aus Bosnien nach Österreich, ich glaube auch nach Deutschland und in die Schweiz vermittelt.

Erich:

Wie alt war Mim als du sie bekommen hast?

Daniela:

Sie war sieben Monate alt.

Erich:

Und deine erste Hündin war ja auch aus dem Tierschutz, die ich auch noch kennenlernen durfte. War sie von einem anderen Verein oder vom gleichen Verein?

Daniela:

Nein, meine erste Hündin, Lula, kam aus Ungarn. Sie wurde von einem anderen Verein vermittelt, und zwar von einem deutschen Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Hunde aus einem bestimmten Tierheim in Miskolc – das liegt in Ostungarn, also schon nahe der ukrainischen Grenze – nach Österreich, Deutschland und in die Schweiz zu vermitteln.

Erich:

Und magst du uns sagen, welche Vereine das waren?

Daniela:

Der erste Verein heißt Canifair. Den nenne ich gerne, weil ich wirklich sagen muss: Die sind super seriös und dort hat alles toll funktioniert.

Ich war damals Pflegestelle für meine erste Hündin, weil ich anfangs sehr unsicher war, ob ich mir einen Hund wirklich zutraue. Es war eigentlich schon seit meiner Kindheit ein Herzenswunsch von mir, aber als ich dann erwachsen war, hatte ich echte Zweifel, ob ich der Aufgabe gewachsen bin. Und mit diesem Verein hat das wirklich super funktioniert.

Der zweite Verein, von dem ich Mim habe, dessen genauen Namen weiß ich ehrlich gesagt gerade gar nicht mehr. Und ich möchte ihn eigentlich lieber nicht nennen, weil ich darüber wenig Positives zu berichten habe. Ich möchte den Verein jetzt nicht an den Pranger stellen, aber ich kann gerne erzählen, wie man es vielleicht nicht machen sollte und wie das damals bei Mim abgelaufen ist.

Erich:

Ich würde sagen, wir gehen den Prozess einfach Schritt für Schritt durch, wie ich ihn kenne. Und du kannst dann erzählen, wie das beim einen und beim anderen Verein abgelaufen ist – also was gut war und was vielleicht nicht so gut funktioniert hat.

Das Erste, was man meistens macht: Man verliebt sich irgendwo in einen Hund, sieht ein Foto, schaut sich die Homepage an und informiert sich ein bisschen. Und dann kommt oft schon die Selbstauskunft, die man ausfüllen muss. Die kennst du wahrscheinlich auch.

Wie erinnerst du dich daran? Wie umfangreich war die damals?

Daniela:

Ja, da werden Dinge abgefragt wie die Lebenssituation: Lebt man in der Stadt, in einer Wohnung oder in einem Haus? Ist Hundehaltung überhaupt erlaubt? Damit wird einfach einmal die grundsätzliche Situation erfasst.

Jetzt fällt mir auch wieder ein, dass ich eine Zeit lang bei dem Verein, über den Lula vermittelt wurde, bei diesen Erstauskünften mitgearbeitet habe. Die Hunde sind ja meistens online, und dann bekommt man oft E-Mails mit „Ich möchte genau diesen Hund adoptieren“. Das Erste, was dann zurückgeschickt wird, ist meistens: „Bitte füllen Sie unseren Selbstauskunftsbogen aus.“

Und der ist oft ziemlich umfangreich. Viele fallen da dann schon raus. Die haben vielleicht spontan einen Hund gesehen und sich gedacht: „Ah toll, den will ich!“ Aber sobald sie die Selbstauskunft sehen, kommt oft gar nichts mehr zurück.

Ich habe selbst schon einige solcher Bögen ausgefüllt und mich auch für Hunde beworben, bei denen es dann nichts wurde – entweder weil sie schon einen Fixplatz hatten oder weil der Verein meinte, dass der Hund nicht so gut zu mir passt und ihn mir deshalb nicht vermittelt hat. Das habe ich auch schon erlebt.

Diese Bögen sind unterschiedlich umfangreich. Manche sind wirklich sehr detailliert – da muss man sogar angeben, wie viel man verdient, wo man arbeitet oder vielleicht eine Bestätigung vom Vermieter mitschicken. Andere sind wiederum etwas lockerer gehalten.

Aber, grundsätzlich geht es einfach darum, einen Überblick zu bekommen: Ist es überhaupt realistisch, dass diese Person einen Hund übernimmt? Oder kommt der Hund nach drei Wochen wieder retour, weil die Situation doch nicht passt? Oder adoptiert jemand einen Hund, der sehr anspruchsvoll in der Haltung ist, lebt aber in Umständen, die das extrem schwierig machen?

Ganz pauschal gesagt: Ein Herdenschutzhund in einer 30-Quadratmeter-Wohnung mitten in der Stadt wird wahrscheinlich eher schwierig.

Erich:

Was passiert danach?

Daniela:

Der Verein bekommt durch die Selbstauskunft einen ersten Eindruck und schaut dann, wie sich das Ganze anfühlt, wenn man mit der Person spricht und welchen Eindruck sie macht. Bei manchen Selbstauskunftsbögen merkt man wahrscheinlich ohnehin schon, dass das eher nichts werden wird. Dann erklärt man den Interessenten, warum es wahrscheinlich nicht passt.

Und bei anderen hat man wiederum sofort ein gutes Gefühl, denkt sich: „Das klingt nach einer tollen Stelle, das könnte für den Hund wirklich gut passen.“ Dann ruft man meistens an. Im Zuge dieses Gesprächs macht man sich auch schon einen Termin für den Besuch aus. Denn im Tierschutz ist es zumindest bei mir immer so gewesen, dass jemand vorbeikommt und sich die Lebensumstände noch einmal vor Ort ansieht und bespricht.

Erich:

Das ist ja die sogenannte Vorkontrolle. Und ich glaube, davor haben viele Menschen ein bisschen Respekt oder vielleicht sogar Angst, weil ja doch jemand zu dir nach Hause kommt und man sich vielleicht ein wenig kontrolliert fühlt.

Wie war diese Situation für dich?

Daniela:

Also ich muss sagen: Die Vorkontrollen waren bei mir für beide Hunde immer sehr unkompliziert und freundlich. Und das eine Mal, wo mir gesagt wurde, dass sie den Hund nicht passend für mich finden, hat sich das schon im ersten Telefongespräch herausgestellt.

Die beiden Vorkontrollen, die ich tatsächlich hatte, waren immer sehr harmonisch und angenehm. Natürlich wurden noch ein paar Dinge genauer nachgefragt, aber das war völlig in Ordnung. Ich hatte dabei nie ein ungutes Gefühl oder das Gefühl, irgendwie unangenehm kontrolliert zu werden. Es war immer sehr freundlich.

Erich:

Und wenn dann alles abgecheckt ist, ist es endlich so weit. Dann bekommt man meistens schon den Adoptionsvertrag zugeschickt, kann sich alles in Ruhe durchlesen und anschauen. Da steht dann drinnen, was die Adoption kostet, woher der Hund kommt und solche Dinge.

Du hast das ja bei zwei verschiedenen Vereinen und mit zwei Hunden erlebt. Waren diese Verträge und auch die Kosten relativ ähnlich oder hat es da Unterschiede gegeben?

Daniela:

Grundsätzlich sind diese Verträge schon sehr ähnlich aufgebaut.

Die Schutzgebühr lag damals bei Lula, glaube ich, bei ungefähr 300 oder 340 Euro. Und etwa zehn Jahre später, bei Mim, waren es dann rund 400 Euro. Das ist also ungefähr der Bereich, in dem man sich bei Tierschutzhunden normalerweise bewegt.

Meine beiden Hündinnen waren bereits kastriert, als sie zu mir gekommen sind. Aber gerade bei jüngeren Hunden gibt es oft Regelungen zur Kastration. Manchmal ist dann zum Beispiel ein Kastrationsgutschein dabei oder es wird festgelegt, dass die Kastration zu einem späteren Zeitpunkt gemacht werden muss. Das ist oft ein wichtiger Punkt im Vertrag.

Meistens steht auch drin, dass man den Verein kontaktieren muss, bevor man den Hund weitergibt. Also gewisse Bestimmungen, die einfach den Hund schützen sollen, damit er nicht irgendwann willkürlich an irgendwen abgegeben wird, der vielleicht gar nicht geeignet ist.

Erich:

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Viele wissen nämlich gar nicht, dass man den Hund, wenn man ihn einmal übernommen hat, nicht einfach irgendwo weitergeben darf. Wenn es wirklich nicht mehr geht, informiert man den Verein.

Gute Vereine sorgen in solchen Fällen oft schon dafür, dass es eine Pflegestelle gibt – entweder in Österreich oder in dem jeweiligen Land, in das der Hund vermittelt wurde. So kenne ich das.

Daniela:

Genau, ja.

Erich:

Und dann durftest du Lula und später Mim endlich abholen. Oder wurden sie dir quasi im Amazon-Paket vor die Tür geliefert?

Daniela:

Ich habe tatsächlich beide Hunde jeweils bei einer Autobahnraststätte abgeholt. Das klingt im ersten Moment vielleicht ein bisschen unseriös, weil man ja immer hört: „Kaufen Sie keine Hunde aus dem Kofferraum“ oder irgendwo auf Parkplätzen.

Aber zu diesem Zeitpunkt war natürlich schon alles geklärt – die Selbstauskunft, die Gespräche und die ganze Vermittlung. Das war also längst alles unter Dach und Fach.

So wie ich das kenne, läuft es dann meistens so ab, dass die Vereine mit einem klimatisierten Transporter unterwegs sind, in dem viele Hundeboxen eingebaut sind. Gerade in der warmen Jahreszeit fahren sie oft nachts los. Die Route geht dann zum Beispiel von Ungarn über Österreich nach Deutschland oder – wie bei Mim – von Bosnien über Kroatien, Slowenien und Österreich weiter Richtung Deutschland.

Dabei halten sie an verschiedenen Autobahnraststätten an. Vorher wird geschaut, welche Raststätte für dich am nächsten liegt, und dann bekommt man ein ungefähres Zeitfenster, wann der Transport dort ankommt. Zu diesem Zeitpunkt muss man dann dort sein und bekommt seinen Hund übergeben.

Erich:

Dann kommt der Hund, und hoffentlich läuft alles gut. Danach sollte es ja normalerweise noch eine Nachbetreuung oder eine Nachkontrolle geben.

Wie war das bei dir? Hat es so etwas gegeben?

Daniela:

Tatsächlich fällt mir gerade ein, dass es bei Lula so eine Nachkontrolle gegeben hat. Also bei dieser seriösen Tierschutzorganisation wurde das tatsächlich gemacht. Eine Betreuerin hat sich ein paar Tage nachdem Lula bei mir eingezogen war gemeldet und gefragt, ob sie vorbeikommen darf.

Wir sind dann gemeinsam eine Runde spazieren gegangen und sie hat einfach nachgefragt, wie es uns miteinander geht und wie die Eingewöhnung läuft.

Bei Mim gab es so etwas nicht. Da kam erst nach ungefähr einem Jahr einmal eine Nachfrage per WhatsApp, ob alles in Ordnung ist. Ich habe dann ein paar Fotos vom neuen Zuhause geschickt, und damit war das erledigt.

Erich:

Sehr interessant. Aber wie geht es dir heute mit Mim? Wie läuft es generell mit ihr? Ist sie inzwischen ein geübter Stadthund oder würdest du eher sagen: Nein, die Stadt ist nach wie vor eine Herausforderung für sie?

Daniela:

Nein, also Mim mag die Stadt nicht besonders. Der große Unterschied zwischen Lula, meinem ersten Hund, und Mim, meinem jetzigen Hund, ist, dass bei Lula eigentlich alles so war, wie es beschrieben wurde, während bei Mim vieles anders gekommen ist.

Bei Lula gab es eine wirklich realistische Charakterbeschreibung. Da stand zum Beispiel, dass sie für Hundeanfänger geeignet ist, keine Ängste hat, gut mit Menschen und anderen Hunden kann und bereits ein bisschen Leinenführigkeit kennt. Und genau so war sie dann auch.

Bei Mim war die Situation anders. Die Fotos, die online waren, wurden gemacht, als sie ungefähr drei oder vier Monate alt war. Da war sie noch ein Welpe und man konnte überhaupt nicht erkennen, welche Rassen in ihr stecken. Es hätte damals alles Mögliche sein können.

Als sie dann mit etwa sieben Monaten zu mir kam, hat man allerdings schon sehr deutlich gesehen, dass sie ein Schäferhund-Mix ist – vermutlich mit Anteilen von Deutschem und Belgischem Schäferhund.

In der Beschreibung stand damals sinngemäß: junger Hund, welpentypisch verspielt, muss noch das kleine Hunde-ABC lernen, Kinder im gemeinsamen Haushalt sollten schon standfest sein. Es wurde also eher der Eindruck vermittelt, dass sie ein unbeschriebenes Blatt und einfach ein ganz normaler junger Hund sei.

Als Mim dann bei mir angekommen ist, hat sich aber einiges anders dargestellt. Zum einen war inzwischen deutlich erkennbar, dass sie ein Schäferhund-Mischling ist. Zum anderen stellte sich heraus, dass sie Angst vor Kindern hatte, praktisch nichts kannte und viele alltägliche Dinge für sie völlig neu waren. Sie kannte weder Stiegen noch viele andere Umweltreize. Geschirr und Halsband kannte sie immerhin bereits, das war kein Problem.

Ihre größte Baustelle war aber ihre Angst vor anderen Hunden. Die war wirklich massiv.

Aus Interesse habe ich dann relativ früh einen Gentest machen lassen. Das mache ich eigentlich immer, wenn ich einen Hund adoptiere, über dessen Vorgeschichte man wenig weiß. Wenn man schon nicht weiß, was der Hund erlebt hat, finde ich es zumindest spannend zu wissen, welche genetischen Anlagen er mitbringt.

Dabei kam tatsächlich heraus, dass Mim zu etwa einem Drittel Malinois, also Belgischer Schäferhund, zu einem Drittel Deutscher Schäferhund und zu einem Drittel Mischling ist.

Sie sieht auch sehr schäferhundtypisch aus, hat aber zum Beispiel Hängeohren statt Stehohren. Außerdem hat sie glücklicherweise nicht diesen stark abfallenden Rücken, der beim Deutschen Schäferhund mittlerweile als Qualzuchtmerkmal gilt. Insgesamt ist sie körperlich sehr robust.

Und ganz ehrlich: Hätte ich dieses Wissen damals gehabt, hätte ich sie vermutlich nicht adoptiert. Nicht, weil ich sie nicht mag – ganz im Gegenteil. Sie ist heute mein Ein und Alles, ich liebe sie über alles und würde sie niemals wieder hergeben. Aber sie ist definitiv nicht der Hund gewesen, den ich mir damals vorgestellt hatte, weil sie einfach sehr arbeitsintensiv ist.

Erich:

Und weißt du, ob Mim schon im Shelter geboren wurde? Oder kam sie erst später dorthin?

Daniela:

Nein. Die Mim wurde ausgesetzt gefunden, mit ihren zwei Brüdern.

Erich:

Okay, aber da war sie noch ganz klein und ist dann ins Shelter gekommen.

Daniela:

Genau. Bei Lula in Ungarn war das anders. Ich war einmal selbst vor Ort in den Tierheimen, und die kennen ihre Tiere wirklich gut. Das muss man ihnen lassen. Mittlerweile haben auch schon drei Leute aus meinem Bekanntenkreis von dort Hunde adoptiert, und es hat eigentlich immer gut gepasst.

Natürlich verhält sich ein Hund im Tierheim oft etwas anders als nach ein paar Monaten in seinem neuen Zuhause. Aber die Einschätzungen waren trotzdem immer ziemlich treffend. Es war nie so, dass die Beschreibung völlig danebenlag – so wie es bei Mim leider der Fall war.

Erich:

Mittlerweile seid ihr trotzdem zusammengewachsen.

Daniela:

Ja, natürlich.

Erich:

Man muss also immer genau hinschauen, mit welchem Tierschutzverein man es zu tun hat. Umso schöner ist es natürlich, dass es am Ende trotzdem für dich und Mim geklappt hat.

Und vielleicht kann man als Fazit sagen: Wenn man einen Hund aus dem Tierschutz adoptieren möchte, lohnt es sich, verschiedene Tierschutzvereine anzuschauen, Fragen zu stellen und die Vermittlungsarbeit ein wenig zu vergleichen. So bekommt man ein besseres Gefühl dafür, welcher Verein seriös arbeitet und welcher Hund wirklich gut zur eigenen Lebenssituation passt.

Daniela:

Ich glaube, wenn man online einen Hund sieht, der einem gefällt – sei es auf Willhaben oder über einen Link zur Website eines Tierschutzvereins – dann sollte man sich die Beschreibungen ruhig etwas genauer anschauen. Wenn man mehrere Hunde durchliest und überall praktisch derselbe Text steht, dann ist das für mich schon ein kleines Alarmzeichen.

Ich habe ja erzählt, dass ich zweimal so ein Telefongespräch hatte, in dem mir gesagt wurde: „Nein, dieser Hund passt nicht zu Ihnen.“ Und wahrscheinlich hatten sie damit sogar recht. Natürlich ärgert man sich in dem Moment manchmal, weil man sich in ein Foto verliebt hat und denkt: Das ist genau mein Hund. Aber wenn die Leute den Hund kennen und bereits viel Erfahrung mit Vermittlungen haben, dann gibt es meistens einen Grund, warum sie sagen: „Nein, dir geben wir diesen Hund nicht.“

Gerade als Anfänger überschätzt man sich oft. Man denkt sich vielleicht: „So ein Malinois ist wunderschön“ – und das sind auch tolle Hunde. Oder man träumt von einem Afghanischen Windhund. Das wäre zum Beispiel so ein Traumhund von mir. Aber das sind Hetzjäger, sie werden sehr groß, haben einen ausgeprägten Jagdtrieb und sind unglaublich schnell.

Man muss sich deshalb immer überlegen, wie der Alltag mit diesem Hund tatsächlich aussehen wird – und nicht nur, wie schön der Hund auf einem Foto aussieht.

Erich:

Sehr spannend, was du da sagst. Also zum einen siehst du es als Warnsignal, wenn die Beschreibungen bei vielen Hunden praktisch gleich klingen. Und zum anderen wertest du es eher positiv, wenn ein Verein auch einmal „Nein“ sagt und einen Hund nicht vermittelt.

Gibt es noch etwas, bei dem bei dir die Alarmglocken läuten würden? Irgendwelche weiteren Anzeichen, bei denen du vorsichtig werden würdest?

Daniela:

Alles, was in Richtung unseriöser Welpenverkäufer geht, würde bei mir sofort die Alarmglocken läuten lassen. Auch ein Rassehund kostet im Tierschutz normalerweise nicht mehr als 400 oder 500 Euro. Der kostet dann nicht plötzlich 1.500 Euro, nur weil es ein Australian Shepherd oder eine andere beliebte Rasse ist. Das wäre für mich dann nicht mehr wirklich Tierschutz.

Aber abgesehen davon würde mir jetzt spontan nichts Weiteres einfallen.

Erich:

Gibt es sonst noch etwas, das du zu diesem Thema sagen möchtest? Irgendetwas, das dir besonders am Herzen liegt?

Daniela:

Wirklich wichtig ist, dass man sich fragt: Wie wird der Alltag mit diesem Hund aussehen?

 Auch wenn man sich auf einem Foto sofort verliebt – und das ist oft eine echte Herzensentscheidung –, sollte man sich immer überlegen, ob man diesem Hund auch wirklich gerecht werden kann, wenn er dann tatsächlich bei einem einzieht.

Ich glaube, das ist viel entscheidender, als zu sagen: „Ich möchte unbedingt einen Hund mit langem Fell“ oder irgendein anderes Merkmal, das einem optisch besonders gefällt. Viel wichtiger ist das Wesen des Hundes, wie gut man im Alltag miteinander harmoniert und ob man ihm das bieten kann, was er braucht.

Erich:

Sehr kluge Worte zum Abschluss.



Lula oder die Geschichte, wie ich zum Hundemensch wurde

Lula zu adoptieren, war ein Schritt in ein neues Leben, auch wenn ich das damalsnoch nicht wusste.

Ich erfüllte mir einen Kindheitstraum mit der Anschaffung eines Hundes. Meine Eltern hatten mir nie einen erlaubt, weil sie Sorge hatten, er würde ihren gepflegten Garten zerstören und viel Mist und Mühe machen, die letztlich an ihnen hängen bleibenwürde.

Als Erwachsene hatte ich ähnliche Bedenken: Würde ich dem Tier gerecht werden? Würde ich es als Bürde empfinden und mich „angehängt“ fühlen – so, wie es mir meine Eltern prophezeiten? Würden Haus und Garten zur Gänze verdrecken und verwahrlosen?

Die lustigste Aussage kam rückblickend von meinem Vater, der meinte, ich mache mich „zum Sklaven für ein Tier“ und Hunde hätten sowieso nur arbeitslose Sozialschmarotzer, denn wer hätte denn sonst Zeit dafür?

Was in der Kindheit eingeimpft wurde, sitzt tief und so entschied ich mich für einen Pflegehund aus dem Tierheim. Das war in meinem Fall perfekt, denn so konnte ich einem Tierschutzhund die grausame Heimzeit verkürzen, sehen wie das so ist als Hundebesitzerin und gleichzeitig würde das Tier auf seiner „Pflegestelle“ weiterhin die Chance auf eine Adoption haben. So hatte ich nicht den Druck, dass es für immer sein musste, falls ich nicht zurecht kam. Und gleichzeitig würde ich etwas Gutes tun.

Ich stieß im Internet auf den Verein CANIFAIR aus Deutschland, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Hunde aus einem Tierheim in Ostungarn, nahe der ukrainischen Grenze, nach Österreich, Deutschland und in die Schweiz zu vermitteln. Diesen Verein kann ich bis heute von Herzen empfehlen, er betreibt seriösen Tierschutz mit Herz und Hirn! Vor allem werden die Hunde auf der Website so beschrieben, wie sie wirklich sind. Die PflegerInnen kennen die Hunde und es wird nichts beschönigt. Das ist sehr hilfreich, denn man möchte schließlich mit dem Tier harmonisch zusammenleben.

Zuerst musste ich einen Selbstauskunftsbogen ausfüllen, in dem die persönlichen Lebensumstände abgefragt und auf Hundefreundlichkeit geprüft wurden. Danach würde jemand zu einem persönlichen Gespräch vorbeikommen und sich vor Ort vergewissern, ob ich als Pflegestelle geeignet sei.

Ich erinnere mich noch gut an Kathi, Vereinsmitglied von Canifair, die in meiner Nähe wohnte und diese Vorkontrolle bei mir machte. Ich weiß noch, dass ich eineverlotterte, dicke, schrullige Frau erwartet hatte aufgrund der Einschätzung meines Vaters, jedoch Kathi war berufstätig, im Leben stehend, hatte selbst zwei Hunde und arbeitete viel ehrenamtlich im Verein mit. Sie war voller Energie und Liebe zu den Tieren, schlank und mit mir als Hundeanfängerin sehr gnädig.

Es würde also klappen. Etwa einen Monat später würde der Pflegehund mit Option auf ein Für-immer-Zuhause bei mir einziehen. Ich hatte mir auf der Website eine mittelgroße Mischlingshündin ausgesucht, eineinhalb Jahre alt, in deren Charakterbeschreibung stand, sie sei lieb und menschenbezogen, dankbar für jede Zuwendung und jedes Leckerli, könne schon etwas an der Leine gehen und „Anfängern in der Hundehaltung empfohlen werden“.

Sie war als Streunerin eingefangen und ins Tierheim gebracht worden. Von ihrer Vorgeschichte war nichts bekannt. Ich schaute während dieser Zeit viel „Martin Rütter, der Hundeprofi“, eine Serie, in der ein Hundetrainer in Haushalte kommt, in denen ein Hund Probleme macht und durch entsprechendes Training wieder Ruhe einkehren lässt. Ich lernte dadurch immens viel, denn ich hatte keine Ahnung von Hunden. Rückblickend muss ich sagen, dass ich in den ersten Jahren mit Lula immer noch wenig Ahnung hatte, Lulas Charakter als Anfängerhund jedoch sehr viel wettmachte.

Es kam schließlich die Nacht, in der Lula abzuholen war. Ein Transporter würde vom Tierheim bis nach Norddeutschland fahren und die Hunde an der jeweils nächstgelegenen Autobahnraststätte an die neuen Besitzer abgeben. Das geschah in der Nacht, damit die Hitze im Transporter nicht zu groß werden würde.

Um 4 Uhr morgens nahm ich meinen Hund entgegen. Es war absolut nicht romantisch. Lula hatte panische Angst und stank bestialisch. Ich hatte damit gerechnet, dass ein Hund aus dem Tierheim stinken würde, jedoch damit hatte ich nicht gerechnet. Nach ein paar Metern Fahrt musste ich anhalten, um mich mit meiner Weste zu vermummen. Es hatte mich so gewürgt, dass ich mich fast übergeben hätte. Lula hatte im Zwinger gelebt und war in ihrem eigenen Urin gelegen. Sie stank wie die Essenz aller Pissoirs Ungarns, zitterte am ganzen Körper und wollte nur weg. Selbst die angebotene Wurst lehnte sie ab. Erst viel später wurde mir bewusst, wie panisch sie gewesen sein musste, dann Lula entpuppte sich als der verfressenste Hund der Welt.

Bereits im Auto wurde mir klar, dass ich dieses stinkende Tier nicht ins Haus lassen konnte. Damals hatte ich eine große, teilweise überdachte Terrasse. Dort platzierte ich sie. Sie hatte ein Körbchen, Wasser und Futter (das sie nicht anrührte) und schlief die ersten 20 Stunden durch.

Währenddessen kontaktierte ich alle Hundefriseurinnen der Umgebung, doch es war Frühling und sie waren generell ausgebucht, weil jedermann zu dieser Zeit seinen Langhaarhund scheren lässt. Jedoch hatte ich Glück: Ein Salon in der Nähe gab mir einen Termin für den übernächsten Tag.

Bis dahin leinte ich Lula einige Male täglich an und ging mir ihr Gassi. Das klappte wie vorhergesagt gut. Ich achtete penibel darauf, sie möglichst nicht zu berühren. Danach zog ich jedes Mal meine gesamte Kleidung aus, warf sie in die Waschmaschine und ging duschen.

Ich war ehrlich gesagt ziemlich verzweifelt. Ich wollte den Hund behalten, hatte aber das Gefühl, mir sämtliches Ungeziefer ins Haus geholt zu haben. Im Geiste hörte ich die Worte meiner Eltern, bildete mir ständig ein, ein Hundehaar im Hals zu haben und fragte mich, ob mein Leben denn nicht schön gewesen war zuvor. Warum um alles in der Welt hatte ich mir dieses Tier angeschafft?!

All das änderte sich mit dem Besuch bei der Hundefriseurin. Sie roch Lula und sagte: „Ich habe früher im Tierheim gearbeitet. Diesen Geruch habe ich seit Jahren nicht mehr gerochen“ und wusch Lula drei mal, bis der Gestank endgültig beseitigt war.

Wir spazierten nachhause. Sie durfte ins Haus. Ich streichelte sie zum ersten Mal. Es stellte sich heraus, dass sie tatsächlich stubenrein war. Nach zwei Wochen war klar, dass sie bleiben würde.

Wir mussten beide noch viel lernen. Besonders ich. Tierheimhunde zeigen ihr wahres Wesen erst nach und nach, wenn sie sich im neuen Zuhause sicher fühlen. Das kann ein paar Monate dauern. Lula war eine souveräne Hündin, die keine Angst hatte und sich mit Hund und Mensch generell gut verstand. Ich konnte sie überall hin mitnehmen.

Für mich war sie der beste Hund der Welt. Ich liebte diesen neuen Lifestyle, das Draußen sein, das Spielen und Toben. Ich begann, alle Hunde zu lieben, in ihnen allen dieses wunderbare Wesen, diesen eigenwilligen, süßen Charakter zu sehen. Wenn man einen liebt, liebt man sie alle.

Am schönsten waren die Momente auf der Couch, das Kuscheln morgens im Bett, die Verbundenheit, die sich zwischen uns entwickelte. Die Beziehung zwischen Mensch und Hund ist eine Beziehung, die ohne Worte auskommt. Daher ist sie so schwer mit Worten zu beschreiben. Nur Hundemenschen verstehen das. Es war eine wunderbare, großartige Zeit und mir wurde klar, dass ich immer Hunde haben werde, solange ich lebe.

Leider wurde Lula nicht alt. Nach sieben gemeinsamen Jahren starb sie bei einem Unfall. Es war das Schlimmste, das ich jemals erlebt habe. Während ich das hier schreibe, laufen mir dicke Tränen über die Wangen. Ich werde wohl nie darüber hinwegkommen. Es ist nun zwei Jahre her und ich schaffe es immer noch nicht, ein Bild von ihr aufzuhängen. Eine Tätowierung von ihr ziert die Stelle unter meinem Herzen. Nichts und niemand wird Lula jemals ersetzen.Manchmal träume ich von ihr. Dann träume ich, dass ich jetzt zwei Hunde habe und wie schön das ist. Denn mittlerweile ist wieder eine Hündin aus dem Tierschutz bei mir eingezogen: Mim.

Mim stammt aus unseriösem Tierschutz. Ihre Charakterbeschreibung bestand aus Standardfloskeln wie „junghundetypisch verspielt“, „muss noch das kleine Hunde-ABC lernen“ und „nur zu standfesten Kindern“. Was nicht in der Beschreibung stand, war, dass Mim eine sehr skeptische Hündin ist, Angst vor anderen Hunden hatte und in ihrem bisherigen Leben nichts kennengelernt hatte. Jede Situation war für sie neu und bedrohlich.

Durch einen Gentest stellte sich heraus, dass sie eine Mischung aus Belgischem und Deutschem Schäfer ist, eine Kombination, die ich mir niemals zugetraut hätte. Mim war gleichzeitig unglaublich energiegeladen und clever. Vom ersten Tag an konnte sie Türen öffnen, hatte jedoch offensichtlich noch nie Stiegen gesehen und fürchtete sich vor ihnen.

Aufgrund der ungenauen Beschreibung des Hundes durch die Tierschutzorganisation, hätte ich Mim beinahe wieder abgegeben, da ich das Gefühl hatte, ihr nicht gerecht werden zu können. Lula hatte eine große Lücke hinterlassen. Ich musste erst lernen, dass ich mir selbst und auch Mim viel Zeit und Geduld geben musste. Durch die Unterstützung meines Partners und mehrerer Hundetrainer (darunter auch Erich von Grossstadthund, vielen Dank an dieser Stelle!), lernte ich schließlich, ihre Energie zu kanalisieren und ihr größtenteils die Angst zu nehmen. So ist Mim mittlerweile neben Lula der beste Hund der Welt geworden. Das denkt übrigens jeder Hundehalter über seinen Hund. Und jeder hat Recht. Da ich nun schon den zweiten Hund durch und durch kennenlernen durfte, kommt es mir vor, als sähe mir aus allen Hundeaugen dasselbe Wesen entgegen. Es ist magisch.

Wenn man einen liebt, liebt man alle.

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